Klangmystik

Klanglyrik


Kathedrale von Chartres

Gedichte regen mich zum Nachdenken an. Ich beschäftige mich mit ihnen. Sie geben mir Impulse und erinnern mich an das Innehalten und die Meditation. Häufig hängt es von der Stimmung ab, in der ich mich befinde, ob mich ein Gedicht anspricht. Gedichte und Klänge habe etwas gemeinsam: Sie erzeugen Resonanz.

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen,
dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen nur ein Lächeln lang,
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Rainer Maria Rilke

Bücher

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.
Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne Stern und Mond,
Denn das Licht, wonach du frugst,
In dir selber wohnt.
Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt -
Denn nun ist sie dein.

Hermann Hesse

Stille

Im Innern dieser neuen Liebe, stirb.
Dein Weg beginnt auf der anderen Seite.
Werde der Himmel.
Richte die Axt wider die Gefängniswand.
Entkomme.
Tritt ins Freie, wie jemand,
der plötzlich in Farbe geboren wird.
Tue es jetzt.
Du bist von dichten Wolken eingehüllt.
Stehle die seitlich hinaus.
Stirb und sei still.
Stille ist das sicherste Zeichen,
dass du gestorben bist.
Dein altes Leben war eine fiberhafte Flucht
vor der Stille.
Der sprachlose Vollmond
kommt eben jetzt hervor.

Rumi

Vom Gedanken zum Schicksal

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal

aus dem Talmud

Mutig sein

Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt:

Mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann. Dass die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendlichen Schaden getan; die Erlebnisse, die man „Erscheinungen“ nennt, die ganze sogenannte „Geisterwelt“, der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge, sind durch die tägliche Abwehr so sehr aus dem Leben hinaus gedrängt worden, dass die Sinne mit den denen wir sie fassen könnten, verkümmert sind. Von Gott gar nicht zu reden.

Rainer Maria Rilke